Faltenglättung -
Faltenwahn oder moderner Fortschritt ?
Eigentlich sollte dieses Kapitel den Tabus der Schönheit gewidmet
werden, die müssen aber eine Woche warten. Zu laut werden derzeit
an zwei Fronten die Messer gewetzt: An der konservativ faltigen Seite
und an der modernen glatten.
Wurde vor 10, 15 Jahren das Thema Schönheit vom traditionsbewussten,
konservativen Österreicher unter dem Motto: Man muss mit
Falten alt werden noch sehr kritisch betrachtet, sind die modernen
Schönheitseingriffe doch langsam, mit vorsichtigem Interesse, und
ohne große Aufregung!, teils kritisiert, aber mehr und mehr akzeptiert
worden. Im Gegensatz zu Amerika, wo ich während meiner Ausbildungszeit
wirkliche Faceliftmumien, Gummibootlippen und
andere Extreme kennen gelernt habe, sind die Österreicher sehr
bodenständig. Bis auf einige Ausnahmen wünschen sich fast
alle meine Patienten nur unauffällige Veränderungen, sie wollen
frischer und besser aussehen, aber legen kaum Wert darauf, alle Falten
auf einmal los zu werden. Wozu also die ganze Aufregung? Wer will, der
kann, wer nicht, soll`s lassen.
Aber
das Thema Schönheit begann europaweit zu boomen, lockte Medien,
gierige Mitmischer und Übertreibungen an die Front. Egal zu welchen
Zeiten man durch die Fernsehprogramme surfte, oder welche Illustrierte
man aufschlug, das Thema stand im Mittelpunkt und steigerte sich langsam
zum Schönheitswahn. Selbst mir wurde es zu viel. Bei Kaviarbutterbrötchen
und Champagnerpartys Falten zu unterspritzen, oder 14 Jährigen
im Fernsehen die Lippen aufzufüllen, muss jedem seriösen Arzt
die Haare zu Berge stehen lassen. Ein Gerücht übertraf das
andere, falsche Informationen, wie Botulinum Toxin wird aus Kobragift
gewonnen , alle Mädchen über 16 wollen Silikonbrüste,
und jeder über 60 ist geliftet und schaut maskenartig aus,
standen an der Tagesordnung.
Auf jede Revolution erfolgt bekanntlich und geschichtlich immer eine
Gegenrevolution. Die Faltenanhänger begannen ihre Messer zu wetzen,
Schluss mit dem übertriebenen Jungbrunnenkult, ein Herz für
das Altern.
Und wer hat recht? Die Modernen, die kampfbereit die Verjüngungswelle
verteidigen, oder die Traditionellen, die jedem von uns Mangel an Selbstbewusstsein
ankreiden, der seine Falte nicht behalten will?
Gar keiner. Denn die Wahrheit liegt bekanntlich in der Mitte. Alle
extremen Reaktionen, wie himmelhochjauchzendes Idealisieren oder kompromissloses
Verdammen einer Sache, beruhen auf nichts anderem als Halbwissen. Denn
setzt man sich wirklich mit einem Thema auseinander, besitzt man seriöses
Wissen darüber (danke Kronenzeitung !), wird man bald erkennen,
dass es überall Vor- und Nachteile gibt. Nichts ist wirklich nur
perfekt oder nur abzulehnen.
Eine einschlägige Untersuchung der beiden britischen Psychologen
Arline und John Ligget hat belegt, dass die Menschen jeder Epoche und
jeden Kulturkreises ihren ganz speziellen "Schönheitsidealen"
nacheiferten und diese sogar bei den Naturvölkern immer das
genaue Gegenteil von Natürlichkeit waren. Und was für extreme,
gesundheitsschädliche Prozeduren hat es früher gegeben! Im
Rokoko wurde Bleiweiß benutzt, um den Teint zu verschönern,
im alten Rom ungelöschter Kalk,
um Haare zu bleichen. Sind wir der heutigen modernen Medizin und Industrie
dankbar, dass sie fast jedem, der sich für ästhetische Eingriffe
interessiert, die Möglichkeit bietet, etwas für sein Äußeres
zu tun, und dass wir mit ihrer Hilfe eine gewisse natürliche Schönheit
erreichen können. Gleich, ob es sich nun um Haare färben,
Zahnimplantate gegen Zahnlücken, oder Falten im Gesicht handelt.
Wie gesagt, wer will, der kann, wer nicht, soll`s lassen. Und die Umwelt
sollte tolerant diese persönliche Entscheidung tolerieren.
© Dr. Doris Grablowitz
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